Interview mit Tesseract: „Auf der Bühne schummeln wir schon mal“

Tesseract aus Großbritannien gehören zu den bekannten Bands des Genres Progressive Metal. Gegründet 2003 veröffentlichte das Quintett um Gitarrist und Bandgründer Acle Kahney sein Debütalbum, passenderweise „One“ benannt, im Jahre 2011.

Zum Interview trafen sich James Monteith und Jay Postones im Kölner Underground mit Axel André von Shockwave Hannover. Der Gitarrist und Schlagzeuger sprachen über ihre Einflüsse, die Entwicklung der Band, warum man schon mal den Namen der Freundin vergisst und weshalb auf der Bühne manchmal geschummelt wird.

Beschreibt doch mal die Art von Musik, die Ihr macht.

James: Ziemlich hart, aber dennoch sehr rhythmisch. Sehr abwechslungsreich und irgendwie bombastisch, episch

Jay: Da kann sowohl der Metalhead drauf abfahren, als auch seine Freundin.

Warum diese Art von Musik?

James: Gegründet hat die Band unser Gitarrist Acle (Kahney; d. Red.) als Soloprojekt. Ursprünglich hat er die Musik Meshuggahs repliziert (beide lachen). Dann hat sich das Ganze allerdings zu etwas Eigenem entwickelt und als die Band einige Jahre später gegründet wurde, war der musikalische Grundstein gelegt und der Stil stand schon fest.

Welches sind Eure Einflüsse?

Jay: Unter anderem haben mich Steely Dan beeindruckt sowie andere Bands dieses Genres. Metalbands prägten mich nicht so besonders, James hört wesentlich mehr Metal. Als Vorbilder für unsere Band sehe ich zum Beispiel Jeff Buckley, Led Zeppelin oder The Doors – eben das ganze alte Zeugs. Aber auch Bands wie Meshuggah sind extrem einflussreich, oder Textures. Gerne sehe ich mir Periphery an: Matt (Halpern, d. Red.) ist am Schlagzeug unglaublich. Ich lasse mich halt aus verschiedensten Ecken inspirieren – genau so etwas macht mich als progressiven Musiker aus.

James: Genau so ist es. Wie Jay ja schon erwähnte, stehe ich als „Metal-Kid“ unglaublich auf Heavy Metal; so lernte ich Gitarre spielen. Es war klasse, richtig viel Lärm zu machen; das hat mich früher beeinflusst. Aber jetzt bin ich ja schon etwas älter und Ambient und Electronica, aggressiv und stampfend, spielt eine große Rolle. Ebenso klassischer 70er-Jahre-Prog wie Pink Floyd. Oder 80er-Jahre-Pop – ich liebe Duran Duran (beide lachen).

Jay: Als ich jüngst auf dem Parkplatz vor unserem Studio in London stand, kam ein Typ auf mich zu und fragte „Duran Duran?“. Später erfuhr ich, dass die Band dort ihr Equipment lagert – ein ehrenvoller Fehler also, mich für einen von Duran Duran zu halten.

James: Das ist mir ein Rätsel, dich für jemanden von Duran Duran zu halten. Du bist doch schließlich 30 Jahre jünger (lacht).

Wie entstehen Eure komplizierten, verschachtelten Songs? Wie geht Euer Songwriting vonstatten?

Jay: Acle schreibt die meisten Songs – in seinem Schlafzimmer oder im Studio. Diese erhalten wir dann übers Internet. Anschließend üben wir das Ganze ein und treffen schließlich fünf Jahre später zusammen, wenn wir den Song beherrschen. Dann jammen wir zusammen und stellen später fest, dass vieles, was wir geschrieben haben, was sich auf Platte gut anhört, live gar nicht hinhaut. Deswegen haben wir „Eden“ (vom Debütalbum „One“; d. Red.) noch mal neu eingespielt: Immer, wenn wir das Stück live spielten, klappte das mit dem Mittelteil nie so richtig. Acle schrieb’s neu und packte ein grooviges Riff rein – jetzt hört sich’s besser an. Unsere Musik entstammt MP3s, die wir uns hin- und herschicken.

James: Bislang entsteht bei uns zuerst die Musik mit den Arrangements und den individuellen Einflüssen, der Text und Gesang kommen dann sozusagen als Zugabe obendrauf. Es kann aber gut sein, dass sich dies ändert, denn an unserem neuen Album, das kommendes Jahr entstehen soll, ist Elliot (Coleman, Sänger; d. Red.) wesentlich mehr beteiligt. Wir werden sehen, ob es klappt…

Wie behaltet ihr die schwierigen Rhythmen, die komplexen Songstrukturen, im Gedächtnis?

Jay: Wiederholung! Viele der Songs spielen wir ja schon recht lange. Wenn ich die Songs lerne, habe ich meine Kopfhörer auf und höre sie mir so lange an, bis auch das kleinste Stück in mein Gehirn eingebrannt ist. Egal, ob zuhause oder im Auto. Wenn du dann auf der Bühne stehst, musst du nicht mehr groß darüber nachdenken, sondern kannst dich aufs Auftreten konzentrieren, nicht darauf, was du wie spielst.

Ihr „programmiert“ Euch also?

Jay: Ja, so ungefähr. Allerdings musst du dabei Abstriche machen: Ich zum Beispiel vergesse dann den Geburtstag meiner Freundin, den Namen meiner Mutter…

James: Mutter!

Jay: Ja genau, Mutter! Ach Quatsch. Nichtsdestotrotz vergesse ich eine ganze Menge anderer Sachen. Manchmal erzähle ich ein und dieselbe Geschichte viermal.

James: Jay ist schon in New York aufgewacht und war der festen Meinung, dass wir in Sydney auftreten (beide lachen).

Wenn jemand auf der Bühne etwas vermasselt, wie kommt ihr wieder zurück in das jeweilige Lied?

James: Wenn sich jemand verspielt, dann nimmt er das selbst in die Hand – den anderen passiert das ja dann nicht. Mir sind noch keine gröberen Schnitzer unterlaufen.

Jay: Der Computer gibt uns den Rhythmus vor. Ich selbst spiele nach einem Metronom, welches der Computer vorgibt. Wenn dieses eine Fehlfunktion hat – und das passiert durchaus – muss ich mich am Riemen reißen. Oder es klingt schrecklich. Dann sehen wir uns gegenseitig an und wundern uns, was passiert.

James: Und das Publikum staunt darüber, dass wir live den Song umarrangiert haben.

Jay: Na ja, manchmal schummeln wir auch schon mal.

Was wird sich auf Eurer neuen LP ändern? Woran arbeitet ihr?

Jay: Viele neue Ideen haben wir bereits aufgenommen. Denn fast alles auf dem ersten Album ist schon einige Jahre alt. Deswegen ist es einfach spannend, an neuem Material zu arbeiten. Und da wir mit Elliot einen neuen Sänger haben, ist es viel interessanter, ihn mit neuem Stoff zu versorgen und zu schauen, wohin die Reise geht. Er singt weniger aggressiv, sondern hat eine höhere Stimme – mal sehen, was er damit anstellt.

James: Unsere Musik klingt mittlerweile kompakter, epischer; weniger abgedreht und technisch, als früher. Das ist der Lauf der Dinge, wir entwickeln uns halt weiter.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Axel André

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