Scar The Martyr: laut, lang und länger

Das Cover des Debütalbums von Scar The Martyr mag wohl den geneigten Metaller zur Meinung verleiten, dass ein neues Werk von Slipknot am Markt sei. Nun gut, das ist zwar  falsch – aber nicht ganz und gar: Denn Scar The Martyr ist ein Bandprojekt von Joey Jordison, „hauptberuflich“ Schlagzeuger von Slipknot. Daher also die optische Gestaltung mit Düsternis und obskurer Maske. Und musikalisch hauen Scar The Martyr – wen könnte es verwundern – ebenso eine ziemlich harte Kerbe.

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Viel Erfahrung aus der Industrialrockecke vereint

Irgendwo im Areal von Post-Punk, Industrial Rock und Metal bewegt sich das Quintett. Jordisons Studiokumpane samt dem Produzenten bringen genau für jene Art von Musik die richtige „Vorbildung“ mit: Keyboarder Chris Vrenna war bei den Nine Inch Nails tätig, Gitarrist Kris Norris bei Darkest Hour und dessen Pendant Jed Simon bei  Strapping Young Lad oder Front Line Assembly. Lediglich Sänger Henry Derek ist ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Apropos Front Line Assembly: Rhys Fulber, und genau dieser ist der oben genannte Produzent, war lange Jahre einflussreiches Mitglied bei der kanadischen EBM-Truppe.

Scar The Martyr verleihen der Industrialrockszene mit dem Debütalbum zwar nicht gerade einen einfallsreichen und mörderischen Schub, doch was die Jungs in weiten Teilen an den Tag legen, darf sich sehr wohl hören lassen. Der unermüdlich und kraftvoll trommelnde Jordison treibt seine Kollegen immerwährend voran. Diese halten ebenso druckvoll Schritt, die Gitarrenfraktion packt melodische wie derbe rifforientierte Songfragmente gleichermaßen effektiv und vielseitig an. Ungewöhnlich für industriallastige Kompositionen sind die oft langen und ebenfalls gekonnten Soli, wie sie in Titeln wie „Soul Disintegration“ oder „Never Forgive Never Forget“ zu hören sind.

Lang und länger

Derek ist mit seiner Stimme sowohl im bösen Growling als auch in klaren Gesangspassagen sicher zuhause. Schwächen leistet er sich offensichtlich keine, öffnet die Scheibe mit seinem Gesang für verschiedene Metalgeschmäcker. Als Schwäche lässt sich aber das uninspiert wirkende „Strecken“ vieler Songs ausmachen: mit fortlaufender Dauer mancher Titel – die Fünfminutengrenze überschreiten gut die Hälfte der Lieder – wirken die Passagen künstlich in die Länge gezogen, ohne Neues entdecken zu lassen. Gitarrenläufe werden gezogen und gezogen, scheinen mantramäßig auszuufern. Etwas mehr Kompaktheit hätte manchem Song, unter anderem „Effigy Unborn“, gutgetan; die Weisheit „in der Kürze liegt die Würze“ wäre manchmal angebracht gewesen.

Weil so mancher Titel arg in die Länge gezogen ist, ist es nicht erstaunlich, dass die Laufzeit der Platte mit 74:03 Minuten verdammt lang geraten ist. Und dabei darf man auch nicht außer Acht lassen, dass zwei der 14 Titel lediglich als Intro, respektive Zwischenspiel durchgehen. Trotz mancher Länge aber erweist sich das Debüt Scar The Martyrs als hörenwertes Album sowohl für Fans harter Mucke als auch Liebhaber gemäßigteren Industrials oder Nu Metals. Scar The Martyr ist erschienen auf Roadrunner Records und bei Warner im Vertrieb. Wer sich die Scheibe vor dem Kauf kostenlos online anhören möchte: bittesehr – auf relics.scarthemartyr.com läuft das Album im Stream.

Anspieltipps: My Retribution, „Never Forgive Never Forget, Mind’s Eye

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