Fährmannsfest 2014: Superhelden, Humor und Heiratsantrag

Poppunk mit schmuddeligen Texten kann auch ganz romantisch sein. So gesehen und gehört auf dem Fährmannsfest 2014 am ersten Augustwochenende in Hannover beim Auftritt der deutschen Punkband Die Schröders. Zum Ende des Konzertes am Samstagabend nämlich stolperte etwas unbeholfen eine junge Frau namens Tina auf die Bühne, suchte ein wenig planlos nach einem Fabian. Und das, weil sie diesem in aller Öffentlichkeit einen Heiratsantrag machen wollte. Zu Tinas großem Glück – und um sie so vor der Peinlichkeit zu retten – antwortete der junge Fabian mit einem freundlichen und knappen „jo!“ Große Küsse und Umarmung, fertig war sie, die erste Verlobung auf dem Fährmannsfest in Linden, vor vielen tausend Zuschauern. Ach ja – ganz viel Romantik also zwischen Titel wie „Lass uns schmutzig Liebe machen“ oder „Saufen (…, fressen und ficken.)“ und dem grandios feiernden und trinkenden Publikum.

Fotos vom Fährmannsfest 2014

Deutlich gebremstere Romantik zuvor bei Dritte Wahl. Die Rostocker Punklegende feuerte weniger fröhliches Pogogut denn vielmehr hochpolitisches, linksorientiertes Textmaterial mit ordentlich Temposchmackes in die tobende Menge. Ob „Mainzer Straße“ oder „So wie ihr seid“: Seitenhiebe auf Politikgebaren, Mitschwimmer sowie viel Kritik an Dingen war der musikalisch-textliche Auftrag von Dritte Wahl. Erfüllt haben die drei „Ossis“ sowie ihr Gastpianist Dietmar diesen allemal. Ohne aber auf Humor zu verzichten. Bezeichnete Sänger und Gitarrist Gunnar Schröder seinen Kollegen Dietmar doch als „besten Rainer-Langhans-Imitator“ (womit er verdammt richtig lag) und versprach dem Publikum am Weddingufer einen „bunten Blumenstrauß schwarz-roter Melodien“. Schön!

Kampf dem Bösen!

Ganz, ja ganz viel Humor bewiesen tags zuvor die Grailknights. Für die Hannoveraner Musiksuperheldentruppe war der Auftritt vor ihrem „Battlechoir“ quasi ein Heimspiel. Geschmackvoller und qualitativ hochwertiger traditioneller Metal gepaart mit überbordendem Bühnenschauspiel – was wollte das Fanherz denn mehr? Wenn der Battlechoir den bösen Dr. Skull lautstark schreiend von der Bühne vertieb, Zapf Beauty, die Bierstute, gegen Urks den Drachen kämpfte, und die Band zur Gymnastikstunde mit rhythmischem „Grailrobic“ zur Festigung des Pos und zu Stärkung der Kraft aufrief, dann war kein Halten mehr zwischen Bühne und Brücke. Unterhaltung pur, würde der Werbefachmann sagen.

Als hätte er gegen Zapf Beauty verloren, so wirkte Joachim Witt, der damalige schräge Vogel der NDW-Zeit, als er auf die Bühne trat und den freitäglichen Headliner machte. Manch einer im Publikum hatte das Gefühl, dass der mittlerweile 65-Jährige nicht ganz bei der Sache sei. Im Laufe seines Konzertes geriet Witt aber ordentlich in Fahrt, ließ sich von der Menge feiern. Showmäßig hatte er ordentlich aufgefahren, gekonnte Melange aus Licht und Bühnennebel. Musikalisch hielt sich Witt ganz eindeutig an sein neueres Material, „Die Flut“ und Lieder der bayreuth’schen Zeit. Einen ganz schönen Sprung zurück – ins Jahr 1980 – erst zum Schluß mit dem für Witt wohl schon unvermeidlichen „Goldener Reiter“, welchen er mit „Tri tra trullala“ toppte. Von solch altem Kram hätte man gerne mehr gehört.

Fotos vom Fährmannsfest 2014

„Bunter Blumenstrauß“ ohne Regen

Den Abschluss am traditionsgemäß eintrittsfreien Sonntag oblag den deutschen Ska-Heroen The Busters. Gespickt mit Bierpilzen, Falafel-, Bratwurst-, Biomampf- oder Pizzaständen sowie einer Kulturbühne mit Gratismusik- und darbietungen hatte das Fährmannfest mal wieder einen, um sich mit den Worten von Dritte-Wahl-Sänger Schröder auszudrücken, „bunten Blumenstrauß“ an alternativer Unterhaltung zu bieten. So wie es sich für Hannover-Linden gehört, welches man Unbedarfteren wohl am ehesten anhand eines Vergleiches mit den alternativen Metropolenstadtvierteln Berlin-Prenzlberg oder Köln-Ehrenfeld beschreiben kann. Außerdem war’s Wetter toll, der dicke Regen, der in dem ein oder anderen Vorjahr die Wiese vor der Bühne in ein Schlammfeld verwandelt hatte, blieb fern. Na dann, bis nächstes Jahr. (Fotos: Helmut Löwe)