Wohin des Weges mit „Metal Resistance“, Babymetal?

„Das globale Phänomen kehrt zurück!“ So kündet es der Aufkleber auf dem zweiten Album von Babymetal, Japans obskurer Heavy-Metal-J-Pop-Mixtur. „Metal Resistance“ heißt die Scheibe. Aber Babymetal waren doch eigentlich gar nicht weg! Die drei hopsenden, quietschenden und singenden Mädchen in Plisseeröckchen samt ihre Kami-Band, die sich melodie- und lautstark in metalcorenahen Gebrettere ziemlich gekonnt ereifert, haben doch erst Mitte 2014 außerhalb Japans von sich reden gemacht.

Damals trieben Babymetal mit ihrem gleichnamigen Debütalbum einen Keil mitten hinein in die Welt der Rock- und Metalfans und der Rock- und Metalkritiker. Denn das Castingkonstrukt, in dessen Hintergrund ein geschickter Produzent namens Kobametal die Fäden zieht, polarisierte aufs äußerste: „Unfassbar, wie kann man denn sowas machen und es als Metal verkaufen, das ist doch vollkommender Schrott“ schrien all jene, die die Trueness im Rock und Metal gefährdet sahen und sehen. „Unfassbar, wie kann man denn sowas machen und es als Metal verkaufen, das ist ja unglaublich abgedreht und eine tolle Novität“, schrien all jene, die das Produkt für außergewöhnlich und gut befanden.

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Tja, und nun haben Babymetal nachgelegt. Kein leichtes Unterfangen, wenn man nicht mit dem Status eines „One-Hit-Phenomenons“ kokettieren möchte. Denn einfach mal so etwas wie „Gimme Chocolate“ oder „Doki Doki Morning“ wie auf der Debütplatte nochmal ins Rennen schicken, das wäre wohl ziemlich nach hinten losgegangen. So hat sich denn Kobametal mit seinem Team wohl überlegt, dem Songwriting mehr Zeit zu widmen, die Kompositionen ausgefeilter zu gestalten, ein bisschen mehr Genregrenzen zu verwischen. Ohne aber zu sehr auf die Tempobremse bei der Kami-Band zu drücken. Tja – und herausgekommen ist „Metal Resistance“.

Hochgeschwindigkeit versus poppiger Mädchengesang

Auf geht’s mit „Road of Resistance“, das unter Beteiligung der beiden Dragonforce-Gitarristen Herman Li und Sam Totman als fetter Bombastmetaller startet und sich alsbald hin zu sehr melodischem Metalcore mit Hochgeschwindigkeit vor allem an den Drums entwickelt – Speedmetal passte auch. Als Kontrapunkt dazu der poppige Mädchengesang von Su-Metal, die sich in diesem Song als auch in allen anderen elf Titeln als sehr gut bei Stimme erweist. Die Screams von Yuimetal und Moametal bleiben dezent im Hintergrund. Na, zum Glück gibt’s die Singleauskopplung „Karate“, da haben beide deutlich mehr zu tun. Hoppla – ist das etwa High-School-Rock im Mittelteil? Jawoll!

Breakbeat- und Elektropunkattacken folgen in „Awadama Fever“. Wer dem Song Inspiration durch The Prodigy, Pendulum oder die Chemical Brothers zuspricht, sagt Wahres. Ein Hauch Ministryähnlichem Industrial-Metals an diversen Stellen ist ebenso herauszuhören. Die Kerbe, in die „Yava!“ schlägt, ist ziemlich ähnlich, wenn auch etwas poppig-melodischer und verbrämt mit Ska-Elementen.

Speedmetal at its best, Vollgas bis zum Abwinken, schön melodisch mit schönen Soli und einem Einsprenkler mit Flamencogitarre – das ist „Amore“. Metalcore war bislang dabei, Speedmetal, Symphonic- und Bombastmetal auch Industrial sowie Breakbeat ebenso, jetzt fehlt noch etwas des durchaus erfolgreichen Viking-Metals. So wie in „Meta Taro“, das hätten womöglich auch Amon Amarth aus einer Bierlaune heraus abliefern können. Oder gar Santiano, wenn sie’s auf die harte Tour hätten haben wollen?

Ist das satter Elektropop, was uns auf „From Dusk till Dawn“ entgegenschallt? Ja, aber sehr stark gekoppelt mit Metalcore. Irgendwie nicht so richtig was für echte Metaller. Die werden mit „GJ!“ belohnt; noch mehr mit „Sis.Anger“, denn da wird ordentlich losgeknüppelt. Die Gitarren liefern sich epische Schlachten mit dem wildgewordenen Schlagzeuger. Irgendwie thrashig. Und dann wird’s auch noch sentimental, denn mit „No Rain, No Rainbow“ verirrt sich tatsächlich eine Ballade zwischen all das muntere Drauflosgebrettere. Wer ein bisschen Blasphemie einstreuen möchte, der macht im Soloteil tatsächlich Queenanleihen aus.

Ein Song voll von verschiedenen Genres

Um das Genrequerbeet voll zu machen, springen Band und das Mädelstrio auf „Tales of the Destinies“ hin und her zwischen Tempi, Strukturen, Melodieläufen, Einflüssen. Und scheuen sich nicht, ein Barpiano erklingen zu lassen. Manche würden es Progmetal nennen, andere wirres Durcheinander. Zumindest werden hier noch einmal alle Genres der vorangegangenen Songs in einem einzigen untergebracht. Puh – ganz schön anstrengend. Und zum Schluss wird’s sogar englisch, auf „The One“, welches ebenfalls mit öfteren und abrupten Tempiwechseln aufwartet, singt Su-Metal mal nicht japanisch.

Tja, was soll man nun vom Zweitwerk Baybmetals halten? Ist „Metal Resistance“ tatsächlich ein gutes Werk der gecasteten japanischen Girl-Metaller? Wer sich da nicht wirklich sicher sicher ist, ist auf der sicheren Seite. Handwerklich kann die Scheibe echt überzeugen. da sind Musiker am Werke, die wissen, wie man Instrumente beherrscht. Von der guten Stimme Su-Metals lässt man sich auch überzeugen. Und produktionstechnisch ist der Nachfolger des Babymetal-Debüts ebenso eine fette Sache.

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Doch dieses kreuz und quer durch die Genres kann man Babymetal nicht immer so richtig abnehmen. Oft hört sich das Gehörte zu sehr danach an, als hätte Produzent Kobametal zu sehr nach der Maxime „Jetzt bring ich auf der Platte aber mal alles unter, was Fans von Musik der härteren Gangart gerne hören“ agiert. Aber egal, warum soll Musik denn immer nur ernsthaft sein? Erlaubt ist, was gefällt. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wenn man sich dies vor Augen oder Ohren führt, dann ist „Metal Resistance“ trotz all seines Irrwitzes und seiner Schrill- und Schrägheit eine ziemlich ordentliche Platte.  Auch wenn man nicht immer weiß, warum. (Foto: Pressefoto)

„Metal Resistance“ von Babymetal hat zwölf Songs und eine Laufzeit von 54:02 Minuten. Erschienen ist die Platte bei earmusic und im Vertrieb von Edel.

Anspieltipps: Road of Resistance, Awadama Fever, Sis.Anger

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