Udo Lindenberg und die Reise ins Ich

Wer keine Ahnung hat, wer Udo Lindenberg ist, der kann sich ja gerne mal das aktuelle Album eines der wohl dienstältesten deutschen Rock- und Popmusiker schnappen und durchhören. Denn auf diesem, auf „Stärker als die Zeit“, lässt Lindenberg sein wildes und wüstes , sein ruhiges und entspanntes, sein richtiges und/oder falsches Leben Revue passieren. Ein bisschen wirkt das 36. Studioalbum Lindenbergs wie eine musikalische Selbstfindung, eine Selbstreflexion verpackt in Noten und Klänge. Wie ein Ankommen und Abfahren genau hier und jetzt. Ja sogar manchmal wie ein Abschied, wenn Lindenberg in „Wenn die Nachtigall verstummt“ von Sachen singt wie „doch irgendwann ist auch für sie die Zeit gekommen – kleine Nachtigall, flieg“.

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Auf viele Jahre des Lebens kann Lindenberg nun wirklich zurückblicken: 70 wird er am 17. Mai 2016. Also darf sich die „Nachtigall aus Gronau“ ruhig ereifern, über Dinge zu singen, die andere seiner Rockerkollegen nur vom Hörensagen kennen. Lindenberg hat reichlich mitgemacht: Erfolge und Misserfolge, Hochs und Tiefs, auf Wolke Sieben schweben und in den Niederungen des Lebens umherkrebsen. Also ist das, worüber er auf „Stärker als die Zeit“ seine immer noch rauchige und schnoddrige Stimme erhebt, verdammt echt. Nicht gelogen, nix erfunden, nix übertrieben, nix beschönigt – wirkliche Lyrik aus dem realen Leben. Andere singen über Andere und anderes, Lindenberg singt über sich und seins.

Inhaltlich wahrhaftig, musikalisch profan

O.k. – nicht immer will die Lindenberg’sche Wortspielerei richtig zünden. Aber zum Glück singt dort ja Udo Lindenberg, und dem lässt man so etwas wie „Spezialist für Udologie“, „zog easy den Joker aus der Tasche“ oder „schleich dich an auf lockeren Sohlen“ jederzeit und gerne durchgehen. Jeder andere Sänger hätte mit solcher Vokalartistik ganz schön in den Eimer gegriffen. Aber Lindenberg darf das, der hat’s auch schon früher gedurft, als er zu Beginn seines Musikerlebens 1972 in „Hoch im Norden“ von keiner „Panik auf der Titanic“, „erstmal einen „Rum mit Tee“ trinken oder „auf den Seehund“ kommen sang.

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Während „Stärker als die Zeit“ textlich einer glaubwürdigen und wahrhaftigen Reise ins Ich gleicht, wirkt die Scheibe musikalisch eher ziemlich oberflächlich, beschaulich, ja manchmal sogar profan. Ruhiger Poprock, ein Hauch Bluesrock, seichter Rock ohne Ecken und Kanten, in etwa so, als hätte man nicht viel falsch machen wollen. Schade, da hat Lindenberg zusammen mit seinem Panikorchester schon deutlich Besseres im Laufe der Karriere zustande gebracht. Die Ecken und Kanten seines „panischen“ Lebens lässt der Mann mit Hut leider nur in den Texten durchhören. Aber muss man mit fast 70 musikalisch denn wirklich noch den großen Zampano machen? (Foto: Tine Acke)

Udo Lindenbergs „Stärker als die Zeit“ hat 15 Titel sowie eine Laufzeit von 62:18 Minuten. Das Album ist erschienen bei Warner Music.

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