Placebo und das Kölner Best-of gerockter Melancholie

Mit 20 Jahren ist man ja üblicherweise nicht so sonderlich alt. Als Band allerdings ist eine Karriere, welche 20 Jahre andauert, doch schon etwas besonderes. Da darf man ruhig mal von Jubiläum sprechen – und das tun Placebo, die sich seit Veröffentlichung ihres gleichnamigen Debütalbums im Jahre 1996 zu einer der beliebtesten und erfolgreichsten Bands im Genre des melancholischen Alternative-Rocks gemausert haben.

Konzertfotos: Placebo 2016 in Köln

„20 Years of Placebo“, unter diesem Motto gingen das Herz und die Seele Placebos – Brian Molko und Stefan Olsdal – ab Oktober 2016 auf ausschweifende Tournee. Auf eine Tournee, auf der sie nicht bloß die großen Hits der Band auf die Setlist packen, sondern musikalische Schätze mit Live-Seltenheitswert: „Wenn ihr Songs wie ‚Pure Morning‘ oder ‚Nancy‘ hören wollt, die wir fast zehn Jahre nicht gespielt haben und vielleicht auch nie wieder spielen werden, dann kommt zu diesen Shows“, machte Molko den Fans die Konzerte vorab schmackhaft. Der Tourauftakt allerdings verlief nicht ganz reibungslos: das Konzert am 13. Oktober im dänischen Aarhus war nach zwei Songs vorbei – Placebo verließen die Bühne. Und die folgenden Auftritte stießen bei so manchen Kritikern nicht immer auf Gegenliebe, sie taten einige Konzerte mit dem ab, was man im Fußballerjargon als „Arbeitssieg“ bezeichnet.

Gesucht – gefunden

Doch davon war am 2. November in der Kölner Lanxess-Arena rein gar nichts zu spüren, Molko, Olsdal und ihre Mitmusiker lieferten 130 Minuten lang eine Art Best of in Bestform ab. 12.500 Fans sahen und hörten eine gutgelaunte und gut aufspielende Band, einen wider Erwarten für seine Verhältnisse sehr plauderhaften Molko. Wenn der sonst als eher wortkarg bezeichnete Frontmann das Wort ergriff, dann erzählte er munter drauflos, flocht immer mal wieder seine Deutschkenntnisse ein. Darüber hinaus ackerte Molko unverdrossen, der Schweiß floss nur so an ihm herab.

Dass er nicht nur ein Mann weltschmerzbehafteten Gesanges ist, machte man spätestens bei Molkos theatralischen Mimik und Gestik während des getragenen „Lady of the Flowers“ aus. Oder in dem Moment, als er das behäbige „I know“ erst nach langer, applausbehafteter Pause mit einem weinerlich dahingehauchten „I know“ ausklingen ließ. Wenn man an jenem Abend die so vielfach kolportierte Melancholie in den Songs Placebos suchte – spätestens da fand man sie.

Ein Gruß gen Himmel

Die Setlist spiegelte in ganz großen Teilen das aktuelle Best-Of-Album wider – lediglich in der Konzertmitte streuten Placebo Lieder ein, die nicht den Weg auf „A Place for us to dream“ schafften. Dabei brauchten sich „Space Monkey“ mit ziemlich viel psychedelischen Video- und Lichteffekten oder „Devil in the Details“ keineswegs hinter anderem Songmaterial zu verstecken. Und auch David Bowie kam zum Einsatz: „Without you I’m nothing“, welches Placebo einst mit der Beteiligung Bowies aufnahmen, glänzte mit Videomaterial der toten Musikikone. Einen Gruß gen Himmel schickte Molko am Schluss des Songs auch noch.

Konzertfotos: Placebo 2016 in Köln

Dass „Special K“ oder „The bitter End“ mit klarer Alternativrockattitüde bei den Fans einen ganz großen Stein im Brett haben, war schnell festzustellen. Zusammen mit ihren tanzbar-rockigen Liedkollegenkollegen, mit denen Placebo das letzte Konzertdrittel bestritten, entfachten die Lieder tanzende Begeisterung im Hallenoval. Das Konzert nahm nach dem tempogemäßigten Mittelteil so richtig Fahrt auf. Wenn die Post abgeht, das mag auch der Placebofan. Und betrübt darüber, dass das musikalische Markenzeichen namens „Every you every me“ lediglich als Videointro fungierte, war da eh keiner mehr. Molko, Olsdal und ihre Mitmusiker lieferten in der Domstadt nämlich ein rundum gelungenes Konzerterlebnis ab. (Fotos: Helmut Löwe)