Killing Joke und manische Post-Punk-Predigten

Enorm mitteilsame Menschen, die voller Vehemenz ihre Ansichten zu Religion, Globalisierung, Wirtschaft, Krieg und ganz, ganz vielen anderen Themen unters Volk streuen, sieht man üblicherweise und sehr oft als Fernsehprediger. Manchmal – sehr viel seltener allerdings – auch auf Konzerten. Immer aber auf Konzerten von Killing Joke, denn die britische Post-Punk-Ikone hat schließlich Jaz Coleman als Sänger in ihren Reihen. Und dieser steht nicht bloß auf der Bühne um zu singen, sondern um seine Texte voller Wucht und Inbrunst, voller Gestik und Mimik ins Publikum zu schleudern. Coleman als Prediger der Postpunks zu bezeichnen, ist wahrlich nicht falsch.

Fotogalerie: Killing Joke 2016 in der Kölner Kantine

In der Rolle des exzentrischen Frontmannes, der nie einen Hehl aus seinen oft polarisierenden Wahrheiten macht, gab Coleman zusammen mit Gitarrist Kevin „Geordie“ Walker, Bassist Martin „Youth“ Glover und Schlagzeuger Paul Ferguson am 3. Dezember 2016 auch in der Kölner Kantine ein Konzert. Ganz in Schwarz mit Gehrock gekleidet kam Coleman provozierend langsamen Schrittes auf die Bühne. Das Gemächliche war dann aber recht schnell vorbei – musikalisch, nicht in Form hyperaktiver Protagonisten. Denn Geordie und Youth ließen ihre Musik quasi stoisch aus ihren Instrumenten fließen. Die Gitarrenriffs, welche sich mantramäßig ins Gehör schraubten, trieb Ferguson mit nimmermüdem Rhythmus aus dem Dunkel des Hintergrunds heraus an.

Ein bitterböser Wüterich

Coleman deklamierte seine Verachtung Herrschender, seinen Zorn auf Ungerechtigkeit und Ignoranz, seinen Groll auf wirtschaftliche und soziale Missstände mit Wut in der Stimme und bitterböser Mimik. Fäuste, die drohten, Augen, die durch Blicke hätten töten können , Hände, die aufrüttelten – Coleman präsentierte sich einmal mehr als manischer Botschafter der Kritik an allem globalen Irrwitz der heutigen Zeit und Verfechter kulturell wertvollen Gutes: „Ich liebe Europa. Seht euch bloß mal Russland, China, Amerika an – Europa, ja das ist zivilisiert“ machte der Wüterich am Mikrofon seinem Ärger Luft. Und entschuldigte sich für den Brexit seiner britischen Landsleute.

Trotz eines ziemlich neuen Studioalbums – „Pylon“, Nummer 15 der Bandhistorie, erschien im Winter 2015 – und eines Coleman, der zu Aktuellem stets etwas zu sagen hat, zogen Killing Joke lieber altes Songmaterial aus der Mottenkiste. Tatsächlich fanden sich fünf Titel des Debütalbums von Killing Joke aus dem Jahre 1980 auf der Setlist. Und mit „Pssyche“ und „Turn to Red“ Songs aus dem Jahr der Bandgründung, von 1979. Verstecken mussten sich diese hinter brandneuen Liedern wie „New Cold War“ oder „I am the Virus“ in keiner Weise. Gut war – zumindest bis auf den Sound – irgendwie alles. Wohl so gut, dass sich Geordie und Youth nach knapp anderhalb Stunden zum Konzertschluss kräftig drückten, so, als wenn sie signalisieren wollten: „hey, super gelaufen, was?“  (Fotos: Helmut Löwe)

Fotogalerie: Killing Joke 2016 in der Kölner Kantine

Setlist

– $,0,36
– Love Like Blood
– Eighties
– Autonomous Zone
– New Cold War
– Exorcism
– Requiem
– Change
– Turn to Red
– European Super State
– I Am the Virus
– Complications
– Unspeakable
– The Wait
– Pssyche
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– Wardance
– Pandemonium