No One Is Innocent live

No One Is Innocent, Tagada Jones und moshen in Meisenthal

Wenn sich die Nacht legt über Meisenthal, dann kommt man sich in dem kleinen Örtchen in den Nordvogesen ein bisschen so vor, als wäre man in Irgendwo im Nirgendwo. 700 Einwohner hat der von den großen Überlandstraßen abseits gelegene Ort, ein Hotelrestaurant, einen Pizzalieferdienst eine kleine Gaststätte. In der Adventszeit allerdings, da ist das verschlafene Meisenthal ein recht bedeutsamer Ort, er ist nämlich das Epizentrum der Christbaumkugeln: Die Herstellung des gläsernen Christbaumschmucks hat dort eine lange Tradition. Glasbläsereien brachten einst etwas Wohlstand ins Dorf und legten trotz heutigen Brachliegens der Glasindustrie den Grundstock für ein modernes Zentrum der internationalen Glaskunst. Und zu diesem in einer ehemaligen Glasbläserei und Spiegelfabrik untergebrachten Zentrum gehört eine brandneue Halle für kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen, Tanz, Theater oder Konzerte.

Konzertfotos: Tagada Jones und No One Is Innocent in der Halle Verrière in Meisenthal

Tagada Jones

Apropos Konzerte: zwei französische Rockbands nutzten genau diese brandneue Halle, die Halle Verrière,  am 30. November für einen Auftritt während ihrer kleinen gemeinsamen Konzertreise im Spätherbst 2019. No One Is Innocent und Tagda Jones setzten das kleine und leicht verschlafene Meisenthal mit Hardcore und Alternativerock ganz gehörig unter Feuer. Und zwar mit derbem Alternativrock aus der Hauptstadt Paris sowie mit extrem kraftvollem Melodic Hardcore und Punk aus dem bretonischen Rennes. Dem Ruf der beiden folgten fast so viele Fans, wie Meisenthal Einwohner hat: knapp 700 waren in die Halle Verrière gekommen, um sich kein klassisches Konzert mit Hauptband und Vorgruppe anzutun, sondern eine deftige musikalische Packung zweier befreundeter und gleichberechtigter Streiter für lautstarke, gitarrenlastige und unangepasste Klänge.

Vom Start weg bis ins Ziel musikalisches Vollgas

Tagada Jones

Den Auftakt lieferten die Bretonen um Sänger und Gitarrist Nicolas Giraudet, besser bekannt als Niko. Die vier Mann auf der Bühne machten kein großes Bohei, gaben vom Start weg bis ins Ziel musikalisches Vollgas. Die pfeilschnellen Gitarrenriffs in Thrash-Metal-Manier und der rasende Hardcorerhythmus zeigten sofortige Wirkung: Im Moshpit vor der Bühne war Pogo nonstop angesagt. „Das Spektakel seid ihr“, zollte Niko dem wilden Treiben Respekt. Bei so viel Energie und Bewegung war es erstaunlich, dass der Hallenkubus nicht zur Sauna geriet und das Publikum nicht im eigenen Schweiß ausrutschte – moderner Technik gebührte der Dank. Da könnte sich so manch anderer Hallenbetreiber ein Beispiel dran nehmen. Daran, dass ob der tobenden Meute im Publikum der Boden immer wieder erzitterte, konnte allerdings auch die Technik nichts machen. Bei „Mort Aux Cons“ stieg No-One-Is-Innocent-Sänger Kémar Gulbenkian ein, wünschte zusammen mit Niko und dem Publikum allem rechten Gesocks und populistischen Drecksäcken gesanglich die Pest und Cholera an den Hals – und den Tod gleich auch noch.

No One Is Innocent

Im zweiten Teil des spannenden Abends legten No One Is Innocent weniger Wert auf Hochgeschwindigkeit als auf musikalische Finesse und Rockmusikabwechslung mit einem Hauch Punk, Metal, Alternative, Crossover und anderen verzerrergebrauchenden Genres. Weniger Wert auf Kritik an Politik und sozialen Ungerechtigketen als ihre Kumpels Tagada Jones legten Kemal, Popy , Shanka, Bertrand und Gael jedoch keinesfalls. Der Front National – mittlerweile Rassemblement National – als Erzfeind bekam ebenso sein Fett weg wie dessen Aushängeschild Marine Le Pen, die man zur Hölle wünschte. In dem Reigen der Hassfiguren durfte einer selbstverständlich nicht fehlen: der US-Präsident mit pfälzischen Vorfahren, dem Kemals und Nikos „What the Fuck“ galt. Den häufigen Besuchen ungestümer Fans auf der Bühne begegnete Kemal mit einem Gegenbesuch im Moshpit. Wie eng die Bande zwischen Bands und Fans ist, zeigte sich spätestens in dem Moment, als etwa 50 Leute die Bühne enterten und gemeinsam mit allen Musikern durcheinanderstoben.

Konzertfotos: Tagada Jones und No One Is Innocent in der Halle Verrière in Meisenthal

Der lange Arm des Gesetzes schlägt unbarmherzig zu

No One Is Innocent

Ein sattes „The Ace of Spades“ von Motörhead, die Titelmusik des Films „Rocky“ sowie ein knurriges „Territorial Pissings“ von Nirvana setzten einem sehr erquicklichen Konzertabend in Irgendwo im Nirgendwo eine Viertelstunde nach Mitternacht ein Ende. Trotz aller zuvor harsch geäußerten Kritik an der Obrigkeit zeigte diese allerdings keine Gnade, ließ den langen Arm des Gesetzes unbarmherzig zuschlagen: die ausgebuffte Gendarmerie hatte sich nämlich, wohlwissend ob des Getränkekonsums von Konzertbesuchern, taktisch geschickt am Ortsausgang von Meisenthal positioniert und führte intensive Alkoholkontrollen durch. Noch lange, lange nach Konzertende ließen die Polizisten jeden Fahrer ins Röhrchen pusten, die Fahrzeuge schoben sich nur schrittweise in Richtung Bitche und gen Heimat. Tja, so schnell also hatte die gesetzestreue Welt jeglichen revolutionären Geist wieder ausgetrieben. (Fotos: Helmut Löwe)

Setlist No One Is Innocent

A la Gloire du Marché
Silencio
Kids Are On The Run
Ali (King of the Ring)
Nomenklatura
Djihad Propaganda
La Peau
Bullet in the Head (Cover Rage Against the Machine)
Chile
Charlie
Drugs
What the Fuck (mit Niko von Tagada Jones)
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Ace Of Spades (Cover Motörhead)
Territorial Pissings (Cover Nirvana)

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