Interview mit Heroes & Zeros: Ein Rocker als Kindergärtner

Sie kommen aus Oslo in Norwegen, gründeten sich 2005, und haben seitdem bereits vier Platten, zwei Studioalben und zwei Livescheiben veröffentlicht: Heroes & Zeros, die irgendwo zwischen Alternative und Progressive Rock pendeln. In Deutschland waren sie 2010 zweimal live zu sehen, als Headliner sowie als Support von Melissa Auf Der Maur.

Electrictunes traf sich mit Arne Kjelsrud Mathisen, dem Schlagzeuger der Band, zum Interview. Arne plauderte über Fans in Deutschland und Norwegen, die Sperrigkeit vieler Texte von Heroes & Zeros, warum ein gutes Konzert nicht viele Zuschauer benötigt und was ihn einmal pro Woche in den Kindergarten zieht.

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Als ihr im Herbst als Headliner in Deutschland unterwegs wart, kamen oft nur wenige Zuschauer. Stört es Euch nicht, vor einem so kleinen Publikum zu spielen?

Viele waren es wirklich nicht, aber es ist auch nicht einfach für uns, die Zuschauermenge vorherzusagen – oft sind wir hier ja noch nicht aufgetreten. Na ja, so spielen wir halt unsere Musik und hoffen, wenn wir in einigen Monaten erneut Konzerte geben, dass die Zuschauer von heute wiederkommen und ihre Freunde mitbringen. In Deutschland sind wir halt noch recht unbekannt, und das heißt für uns, immer weiter zu ackern. Wirklich enttäuscht über wenige Zuschauer sind wir aber nicht, irgendwo müssen wir ja beginnen. Und live zu spielen macht uns eben einfach Spaß.

Ihr tratet 2008 als Support der Smashing Pumpkins in Norwegen auf. Wie war es, vor mehreren tausend Zuschauern auf der Bühne zu stehen?

Die großen norwegischen Zeitungen schrieben, dass wir die Smashing Pumpkins an die Wand gespielt hätten; und das war schon verdammt gut (lacht). Und dem Publikum hat es auch sehr gut gefallen, aber in Norwegen sind wir ja auch wirklich ziemlich bekannt. Aber bis dahin hatten wir vor einem solch großen Publikum noch nicht gespielt. Eine tolle Erfahrung!

Vor wie vielen Zuschauern tretet ihr üblicherweise in Norwegen auf?

Das hängt von der Größe unserer Auftrittsorte ab: in kleinen Orten sind dies manchmal nur 50, in großen Städten kommen etwa 500 bis 600 Leute.

Unterscheiden sich deutsche von norwegischen Zuhörern?

Absolut. Das deutsche Publikum ist sehr neugierig und interessiert an dem, was auf der Bühne abgeht. In Norwegen erscheinen Zuhörer oft erst eine Stunde nach dem offiziellen Beginn des Auftritts – sie haben sich daran gewöhnt, dass die Band erst dann anfängt, wenn die Fans da sind. Und zudem haben sie schon reichlich vorgeglüht. Wenn es in Deutschland heißt, dass es um 20 Uhr losgeht, sind die Fans um 20 Uhr da. Das macht es für eine Band wesentlich einfacher. Selbst dann, wenn nur wenige Fans erscheinen – aber diese wenigen sind gut drauf. Und wir auch, egal ob 15 oder 1.500 unseren Auftritt sehen wollen.

Eure Musik klingt wie eine Melange aus den 70ern, Alternative und Prog-Rock…

In der Tat sagt man uns nach, dass wir wie eine Progressive-Rock-Band klingen. Wir selbst hören eher wenig Musik in der Art. Grundsätzlich stehen wir aber auf dieses „Psychedelic-Ding“, darauf, dass sich unsere Lieder je nach Konzert schon mal anders entwickeln. Wir dehnen Vier-Minuten-Songs live auch schon mal auf eine Viertelstunde aus. Und nicht immer wissen wir, wie ein Song enden wird, den wir gerade spielen. Das kommt ganz auf unsere jeweilige Stimmung an. Deswegen gleicht ein Konzert kaum dem anderen. Und genau das ist für mich das Tolle bei Heroes & Zeros.

Die Drums nehmen auf Euren Platten bedeutenden Anteil ein – mehr als die übliche bloße Rhythmusarbeit. Wer ist Dein Vorbild?

Ich bin eigentlich nicht so sehr speziell aufs Schlagzeug fixiert, mehr auf die Musik grundsätzlich. Ich übe nicht das Schlagzeugspiel als Solches, sondern verbessere mich zusammen mit der Band, bei unseren Auftritten. Klar gibt es tolle Schlagzeuger, so wie Jimmy Chamberlin von den Smashing Pumpkins. Die Flaming Lips haben einen tollen Drumsound, der Schlagzeuger selbst ist zwar nicht so super, aber die Art und Weise, wie er spielt, sein Musikgefühl – das inspiriert mich.

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heroes-zeros_simian_180Ihr habt früher außer den Flaming Lips auch Sonic Youth als Band angegeben, von der Ihr beeinflusst werdet. Haben diese heute für Euch noch den gleichen Stellenwert?

Na ja, Du hörst halt immer wieder neue Musik. Und davon wirst Du beeinflusst – oft, ohne dass Du Dir Gedanken darüber machst. Musikalische Inspiration ist nichts, das man auf die eine oder andere Band beziehen kann. Einflüsse kommen meist einfach so, wenn Du Musik hörst. Klar, Radiohead, Motorpsycho oder Pavement hören wir halt gerne – und tun dies sicherlich auch noch in 20 Jahren.

Eure Texte haben zum Teil etwas Groteskes, manchmal Bizarres an sich. Sie bauen skurrile Bilder auf. Wer schreibt Eure Texte?

Das macht einzig und allein Hans Jørgen, unser Sänger. Auf unserer ersten EP im Jahr 2006 schrieb unser Bassist zwar mal den Text für einen Song, aber sonst pfuscht Hans Jørgen keiner ins Handwerk. Und er verbringt sehr viel Zeit damit. Das, was entsteht, ist nicht leicht verständlich, man kann viel hineininterpretieren.

Also wisst auch Ihr nicht immer, was er sagen will?

Irgendwie ist es schon cool, dass er nicht direkt sagt, „damit meine ich dies und damit meine ich das“. Und ich glaube, dass er selbst der Ansicht ist, dass die Texte vielfältig auslegbar sein müssen und vom Hörer aufgelöst werden sollen.

Nicht immer scheint es in Euren Texten einen roten Faden zu geben…

Das ist durchaus beabsichtigt, um Raum für Interpretationen zu lassen.

Sind für Euch die Texte oder die Musik wichtiger?

Üblicherweise entsteht zuerst die Musik, anschließend die Texte. Dies ist aber nicht grundsätzlich so, oft auch fummeln wir noch am Sound herum, wenn die Texte bereits geschrieben sind. Dadurch passt vieles besser zusammen.
Das Cover-Artwork der neuen Scheibe hatte einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entstehung des neuen Albums. Das Kunstwerk eines norwegischen Undergroundkünstlers (Bjørn Bjarres Skulptur „Abstract Feeling no. 72“; d. Red.) drückt vieles aus, was wir mit unserer Musik sagen wollen.

Hans Jørgen, unser Sänger, kannte Bjarre, seine Kunst. Und als wir auf dessen Website waren und diesen Kopf mit den Zungen sahen, waren wir uns sofort einig: „Das muss unser neues Cover werden“. Als wir uns mit Bjarre trafen, war er sofort damit einverstanden. Mit ihm werden wir wohl noch öfter zusammenarbeiten. Und dann wird er unsere Cover gestalten, so dass wir nicht auf etwas Vorhandenes zurückgreifen müssen, sondern etwas ganz Besonderes haben.

heroes-zeros100929_7221_250Ein Song eures Debütalbums, die Single „Into The Light“ wurde für das Computerspiel Fifa 2008 ausgewählt. Sind die Neuen Medien wichtig für Euch?

Wir stehen nicht besonders auf Computerspiele, das kam durch unser Label. Doch über so etwas wird unsere Musik natürlich bekannter, das ist dann o.k. Facebook und Twitter nutzen wir aber schon, unsere Fans tun das ja auch.

Warum wurde die CD „Simian Vices Modern Devices“ in Deutschland mehrere Monate später als in Norwegen veröffentlicht?

Dies war auch schon bei unserem Debüt (Strange Constellations, 2007; d. Red.) so. Dies erschien in Deutschland sogar zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung. Wir mussten erst ein Label in Deutschland finden, und deswegen erschien unser erstes Album hier, als wir in Norwegen bereits das zweite herausbrachten. Aber dies soll sich zukünftig ändern.

Ihr lebt in Oslo, stammt aber nicht dorther?

Richtig, wir kommen aus einer Kleinstadt in Südnorwegen, aus Lillesand, das etwa 9.000 Einwohner hat. Wie spielten vorher bereits alle in anderen Bands; allerdings noch nie gemeinsam, bis wir uns 2004 in Oslo trafen. Die Band Heroes & Zeros kommt demnach also aus Oslo.

Was macht ihr, wenn Ihr keine Musik macht?

Viel Zeit für andere Dinge haben wir nicht, die Musik ist eine Art Fulltimejob. Meist stehen wir im Probenraum – außer, wenn wir Geld verdienen müssen. Ich zum Beispiel arbeite einen Tag pro Woche in einem Kindergarten. Ich finde, dass es wichtig ist, noch etwas Sinnvolles neben der Musik zu machen. Dann nämlich lernt man, die Musik noch mehr zu schätzen.

Wenn Du kein Musiker wärest, welchen Beruf hättest Du?

Ich habe ein Lehramtsstudium begonnen, habe in den vergangenen zehn Jahren viel mit Kindern gearbeitet. Und gibt mir sehr viel. Ich glaube, wenn ich kein Musiker wäre, würde ich sicherlich ein Lehrer sein.

Und was wäre mit Deinen Bandkollegen?

Hans Jørgen hat Anglizistik und Literatur studiert, er würde wohl in jedem Fall irgendwas mit Literatur und Schreiben zu tun haben. Und Simen ist ausgebildeter Musiktherapeut, der schon in Gefängnissen und mit Kindern gearbeitet hat.

Was macht ihr in den kommenden Monaten?

Wir arbeiten an einem neuen Album, das im Frühjahr in Norwegen erscheinen soll. Und dann wollen wir auch noch mal in Deutschland Konzerte geben. In Israel werden wir auch noch auftreten – wir waren dort bereits auf Festivals zu Gast. Dies war für uns eine interessante Erfahrung, in Israel zu sein und rein gar nichts mit Politik zu tun zu haben, wo das Thema Politik eine sehr große Rolle spielt, wenn es ums Thema Israel geht.

Welche drei CDs würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen?

In jedem Fall „The Soft Bulletin“ von den Flaming Lips, mein absoluter Favorit. Dann „Dirty“ von Sonic Youth – eine fantastische CD. Und etwas neueres, vielleicht das erste Album von MGMT, „Oracular Spectacular“.

Arne, herzlichen Dank für das Gespräch.

(Fotos: Helmut Löwe)

Konzertfotos von Heroes & Zeros

www.heroesandzeros.no