Mach’s gut Rheinkultur – du fehlst!

Warum sollte es dem größten eintrittsfreien Musikfestival Deutschlands, ja sogar ganz Europas besser gehen, als so vielen begnadeten Rockmusikstars? Auch diese haben ihren 30. Geburtstag nicht erlebt. Jim Morrison, Jimi Hendrix, Kurt Cobain – alle starben im Alter von 27 Jahren. Na ja, immerhin – die Bonner Rheinkultur wurde sogar 29, als sie zu Grabe getragen wurde, noch ehe sie am ersten Juliwochenende 2012 ihren 30. Geburtstag feiern konnte.

Aus für die Bonner Rheinkultur 2012

Wer hat denn nun Schuld am Tod des Musikspektakels in der Bonner Rheinaue, das seit 1983 Jahr für Jahr bis zu 200.000 Besucher in die ehemalige Bundehauptstadt zog? Eine Frage, die nur schwerlich zu beantworten ist. Denn genau genommen gibt es keinen alleinigen Schuldigen, sondern viele Schuldige. So in etwa haben es auch die Veranstalter um Holger Jan Schmidt, Geschäftsführer der Rheinkultur GmbH, in ihrer Pressemitteilung festgestellt.

Danke, Geizhälse

Schuld am Tod der Rheinkultur sind die Besucher: Ja – keinen Eintritt bezahlen, um Bands wie die Fantastischen Vier, Mando Diao, Sportfreunde Stiller, Bloodhound Gang, Incubus oder Gentleman zu sehen, das hat jeder gerne in Anspruch genommen. Wehe aber, das Gespräch kam auf die Getränkepreise: „Unverschämt“, „viel zu teuer“ war allenthalben zu vernehmen. Da schmuggelte man lieber Bier, Schnaps und andere Alkoholika aufs Gelände und torpedierte somit wissentlich die Veranstaltung, die zu einem großen, sehr großen Teil vom Getränkeverkauf lebte. Danke, ihr Geizhälse, die ihr jederzeit bereit seid, weit über 100 Euro plus zig Euro für Getränke bei Rock am Ring oder andere Festivals hinzublättern, aber schreit, wenn ihr 3 Euro fürs Bier auf einem Gratisfestival bezahlen sollt!

Danke, Einfaltspinsel

Schuld am Tod der Rheinkultur sind die Besucher, die durch ihr aggressives Verhalten, durch Randale und Pöbeleien den Grundgedanken der Rheinkultur, ein friedvolles Festival sein zu wollen, untergraben haben. Und gerade in den vergangenen Jahren durch Beschädigungen des ÖPNV, durch Handgreiflichkeiten und durch Zerstörungen für Negativschlagzeilen gesorgt haben: Die Rheinkultur 2011 zum Beispiel musste sich mit Brandstiftungen und Programmabbrüchen herumschlagen. Danke, ihr Einfaltspinsel, dass ihr zu einem Musikfestival nicht der Musik wegen geht, sondern es Fußballhooligans gleichtut und eine Veranstaltung lediglich als Vorwand benutzt, um eure halbstarken und geistig offenbar nicht sehr weit entwickelten Kräfte zu messen.

Danke, Stadt

Schuld am Tod der Rheinkultur ist die Stadt Bonn, deren kultureller Anspruch anscheinend in einer anderen Liga spielt, als der eines weit über die Stadtgrenzen hinaus, ja in ganz Deutschland und Europa bekannten und beliebten Popmusikfestivals. Ludwig van Beethoven als Kind der Stadt ist zwar ein Pfund, mit dem man wuchern kann und auch muss, aber nicht das einzige. Denn die Kultur einer Stadt muss vielfältig sein, muss viele Ansprüche und Geschmäcker abdecken. Und darf nicht nur jene im Fokus haben, mit der sich  die Feuilletonseiten seriöser Zeitungen füllen lassen. Danke Stadt, dass Du Dich nicht mehr darum bemühst, neben der Hochkultur auch der populären Kultur auf die Sprünge zu helfen, die ebenso zum Leben  deiner Bewohner gehört wie Beethoven. Auch die Rheinkultur ist, nein war, „Freude. Joy. Joie. Bonn“. (Fotos oben und mitte: Helmut Löwe; unten: Volker Lannert)