Erschlagen von David Bowie in Berlin

Können 75.000 Menschen irren? So viele nämlich sind es, die die Ausstellung „David Bowie“ im Berliner Martin-Gropius-Bau seit ihrer Eröffnung am 20 Mai 2014 besuchten. Bei soviel Ansturm verwundert es nicht, dass man sich am 16. Juli – einen Tag nach dem gigantischen Empfang der DFB-Weltmeisterelf auf der Berliner Fanmeile – dazu entschloss, die Austellung um zwei Wochen bis zum 24. August zu verlängern. Da ist die Frage ja eigentlich schon beantwortet – die Ausstellungsbesucher können doch gar nicht irren.

Oder vielleicht doch? Die Neugier auf die Exponate aus dem musikalischen-künstlerischen Lebenswerk des am 8. Januar 1947 in London als David Robert Jones geborenen David Bowie ist enorm. Und zu sehen gibt es viel: Über 300 handschriftliche Texte, Originalkostüme, Fotografien, Filme und Musikvideos, Set-Designs sowie Instrumente und persönliche Sammlungsstücke wie Skizzen oder Briefverkehr berauschen den Besucher. Und zu hören gibt es kaum weniger: Interviews mit Bowie, dessen Zeitgenossen und Musikern sowie anderen Künstlern, obendrauf viel, viel Musik.

Erschlagen von optischen und akustischen Reizen

All das ist in einem multimedialen Spektakel aufgezogen, dass einen kaum kalt lässt. Aber anstrengt! Nachdem man sich über Stunden hinweg durch alle kleinen Notizen, Songs, Erläuterungen (die leider oft wegen mangelnder Illumination schlecht zu lesen sind) und visuelle Sperenzchen durchgearbeitet hat, fühlt man sich wie von einem Bowie’schen Informationsdampfzug überrollt. Will ich wirklich 60 Kostüme Bowies sehen? Sind Haustürschlüssel zu seiner Wohnung in der Schöneberger Hauptstraße 155, in der Bowie zwischen 1976 und 78 lebte, für mich als Fan ein epochales Exponat?

Nachdem man die Ausstellung hinter sich gebracht hat, aus der Welt Bowies im unvermeidlichen Verkaufsraum von Devotionalien wieder in die reale Welt eintaucht, ist man erschlagen von der unfassbar großen Fülle an optischen und akustischen Reizen. Und auch dann noch, wenn man gar nicht alles bis ins kleinste Detail betrachtet, gehört hat. Viel Großes und Ganzes bleibt hängen, wenig Detailliertes – so wie der kurze, handschriftliche Briefverkehr zwischen Bowie und Marlene Dietrich;  beide hatten Rollen in dem Film Schöner Gigolo, armer Gigolo von 1978. Oder der Kontaktabzug einer Fotosession, auf der das Cover zu „Heroes“ basiert.

Muss ich jetzt die Bowie-Ausstellung besuchen, die 14 Euro Eintritt  investieren? Ganz klar „Jein“. Als Fan der Musik Bowies, des Künstlers David Bowie, ist der Besuch der Ausstellung im Grunde genommen ein Muss. Sofern man nicht versucht, alles in sich aufzunehmen, sondern sich auf wenige Dinge konzentriert. Und sofern man viel Zeit mitbringt: ein paar Stunden sollten es schon sein. Als jemand, der die Ausstellung „einfach mal sehen will“, um womöglich etwas über den von den Medien hofierten Künstler zu erfahren, nimmt man sich besser anderes vor – einen Bildband über die Schau oder eine Biografie über Bowie. Ansonsten sagt man sich nämlich nach dem Verlassen der Schau, so ganz in Goethe’scher Manier: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“. (Foto oben: Helmut Löwe; Foto “Heroes” Contact Print (Piece No. 32), 1977: © Masayoshi Sukita / The David Bowie Archive)

www.davidbowie-berlin.de