Wenn man Jahrzehnte in einer Band spielt, dann hat man als Musiker sicherlich viel zu erzählen. Und wenn die Band, in der man spielt, Iron Maiden heißt und damit zu den bekanntesten Heavy-Metal-Bands der Welt gehört, dann hat man sicherlich noch viel, viel mehr zu erzählen. So wie Nicko McBrain, der für Iron Maiden gut 40 Jahre lang an den Drums saß.
In seiner gerade erst erschienenen Autobiografie namens „Hello Boys and Girls“ erzählt McBrain auf 352 Seiten von seiner Zeit mit Bruce Dickinson, Steve Harris, Adrian Smith, Dave Murray und Janick Gers. Doch nicht nur das – zu den Begebenheiten mit den Metalikonen vor, hinter und auf der Bühne gesellen sich Erlebnisse aus McBrains Privatleben. Damit wird „Hello Boys and Girls“ zu einem spannenden Rückblick auf vier Dekaden Metalhistorie und zeigt gleichzeitig den Werdegang eines kleinen Jungen aus Hackney im Londoner Nordosten zu einem der erfolgreichsten Schlagzeuger der Rockmusik.
600 Maiden-Fans lauschen gebannt

Am Abend vor dem Erscheinen der deutschen Ausgabe seiner Autobiografie war McBrain nach Köln gekommen, um persönlich über einige der Begebenheiten und Erlebnisse zu berichten. Etwa 600 Zuhörer – viele, sehr viele dieser in Bandshirts oder Kutte gekleidet – ließen sich diesen Auftritt auf McBrains Spoken-Word-Tour nicht entgehen. Sie lauschten im Theater am Tanzbrunnen gespannt und gebannt dem, was McBrain zu erzählen hatte. Und das war viel: zweieinhalb Stunden lang plauderte er über Anekdoten, Unbekanntes, Aufregendes, Humoriges, Erstaunliches und höchst Emotionales aus einem prall gefüllten Rockerleben.
Den Abend beginnt McBrain so, wie auch seine Biografie beginnt: mit der Initialzündung, welche ihn zu einem Drummer werden ließ. Schuld an seiner Karriere ist Joe Morello, Schlagzeuger des Dave-Brubeck-Quartetts. Als er 1962 im Fernsehen sah, wie Morello, trotz Tageslicht mit Sonnenbrille versehen, sein Schlagzeug bearbeitete, war nur noch eines sein großes Ziel: Schlagzeuger zu werden. Von da an ließ McBrain die Chronologie seines Lebens außen vor, er manövrierte sich kreuz und quer durch seine Karriere als Drummer. Pat Travers kam ebenso vor wie Trust – jene Band, von welcher er zu Iron Maiden wechselte.
Zwischen Lachen und Rührung

McBrain brachte all die viele Geschichten auf wunderbar launige und nahbare Art und Weise zu Gehör. Als Gast hatte man stets das Gefühl, einem alten Freund zuzuhören und nicht den Worten eines Musikidols zu lauschen. Man staunte, wenn er berichtete, wie konspirativ sein Wechsel von Trust zu Maiden vor sich ging, man lachte lauthals, als von angezündeten Flatulenzen in einem Bad Berleburger Restaurant die Rede war. Und man war sehr gerührt, als McBrain von seinem Schlaganfall erzählte, welcher ihn das Ende seiner ihm ach so erfüllenden und geliebten Karriere als Schlagzeuger von Iron Maiden kostete.
Besonders wurde es nach der Pause. Gab es zuvor die Inhalte des Buches reichhaltig ausgeschmückt durch McBrains Art zu erzählen, so ging er nun auf eine Vielzahl von Fragen aus dem Publikum ein. Jeder Besucher hatte vor der Veranstaltung die Möglichkeit, auf einer Karte Fragen an den Mann auf der Bühne zu notieren. Etwa 20 der Karten zog McBrain aus einem Behälter und gab Antworten der persönlichen Art. Mal kurz und knapp, mal ausschweifend und in aller Ausführlichkeit. Wer wusste wohl vor diesem Abend, dass Herman Rarebell, der frühere Scorpions-Schlagzeuger, für McBrain der beste deutsche Drummer ist. Oder was wohl passiert, wenn Sänger sehr kräftige Frauen mit in den Tourbus schleppen.
Ein Gruß und ein Danke nach ganz oben
Der Schluss des Abends war allerdings wieder chronologischer Natur: Mit einem Foto aus der Linse des langjährigen Maiden-Fotografs John McMurtrie verabschiedete sich McBrain. Das Foto zeigt ihn nach seinem letzten Konzert mit Iron Maiden am 7. Dezember 2024 in Sao Paulo. Alleine steht er auf der Bühne, den linken Arm gen Himmel gereckt. Mit dieser Geste habe er Jesus gedankt, so sagte McBrain. Dem, welcher ihm seinen unglaublichen Werdegang ermöglicht habe. Ein emotionales Ende eines außergewöhnlichen Abends! (Fotos: Helmut Löwe)