The Cure in Köln, wehmütig-bunter Weltschmerzpoprock

Robert Smith ist wohl eine der markantesten Personen des Musikbusiness: bleich geschminktes Gesicht, viel Kajal um die Augen, Lippen mit blutrotem Lippenstift versehen und wilde Zauselhaare, die – einstmals von unglaublichen Haarspraymengen zu einer Art überdimensionalem Vogelnest auftoupiert – wirr ums Haupt herumwehen, verleihen dem Sänger und Frontmann der britischen Waverocker The Cure ein ganz enormes Alleinstellungsmerkmal. Und das seit Jahrzehnten bereits. Doch nicht alleine Smith’s wegen gelten The Cure als Ikonen der alternativen Musikszene: hat die Band schließlich durch ihre Songs und Alben den Darkwave und Gothicrock in den 80er Jahren wesentlich mitgeprägt.

Fotogalerie: The Cure 2016 live in Köln

Auch wenn in neueren Jahren – zumindest bis zum bislang lezten Album „4:13 Dream“ aus dem Jahre 2008 – Popelemente deutlich mehr Einfluss in der oft so todtraurigen Musik The Cures gewonnen haben. Und damit deutlich mehr Beliebtheit weit über die Schwarze Szene hinaus in den Bereich der Mitte der Musikliebhaber. Da tut es keinen Abbruch, dass seit 2008 kein neues Studioalbum erschien. Die Konzerte, die The Cure im Herbst und Winter 2016 in Europa auf ihrem Tourfahrplan hatten, setzen einen großen Run auf die Tickets frei. Auch auf jene Eintrittskarten, die fürs Konzert in der Kölner Lanxess-Arena für den 10. November zu haben waren – 17.000 Fans sahen und hörten The Cure in einer pickepackevollen, ausverkauften Halle.

Ganz schön viel The Cure

Die Neugier auf neue Lieder und wie sich diese womöglich in konzertanter Form anhören mochten, war es nicht – ganz einfach, weil es nichts albumtechnisch Neues aus dem Studio The Cures gibt. Es waren ganz einfach die großartigen Songs, die The Cure seit ihrer Gründung 1976 als Malice und der Umtaufe in The Cure 1978 komponierten. Titel wie „A Forest“, „The Walk“, „Just like Heaven“, „Lullaby“ oder „Friday I’m in Love“, welche zwischen Weltschmerz, tiefer Traurigkeit, Todessehnsucht und fröhlicher Verliebtheit pendeln. Von diesen, von den musikalischen Gefühlen, die The Cure in ihren Liedern abdecken, bekamen die Besucher in Köln gar reichlich – akustisch und optisch gleichermaßen.

Zweidreiviertel Stunden standen Smith, Bassist Simon Gallup, Gitarrist Reeves Gabrels, Keyboarder Roger O’Donnell und Schlagzeuger Jason Cooper auf der Bühne; hatten 30 Lieder auf der langen Setlist mit drei Zugaben stehen. Und öffneten auch lichttechnisch die Schatzkiste ganz weit, um das Liedmaterial für die Augen exzellent umzusetzen. Der dunkle Wald auf den fünf Videowänden im Bühnenhintergrund bei „A Forest“, die Steilküste von Dover in Fehlfarben bei „Just like Heaven“ oder der infernalische Farbrausch bei „Fascination Street“ waren dabei nur kleinere Sperenzchen: Der akzentuierte Einsatz der Spots, deren ausgeklügelt abgestimmte Farbwahl und die Umsetzung durch die Lichttechniker ließen Hören und Sehen zu einem tollen großen Ganzen werden.

Musik top, Akustik verbesserungwürdig

Akustisch wühlten sich The Cure zwar quer durch die Jahrzehnte, legten den Schwerpunkt jedoch auf das kommerziell enorm erfolgreiche Album „Wish“ aus dem Jahre 1992. Sieben Lieder bekam das Henkelmännchen zu hören, vom zerstörerisch wirkenden „From the Edge of the deep green Sea“, grandios durch eine über die gesamte gut siebenminütige Songdauer aufgehende und immer greller werdende Videosonne visualisiert, bis hin zum poppig-fröhlichen „Friday I’m in Love“, welches die Halle zu Begeisterungsstürmen hinriss. Die düster-melancholischen Musikzeiten The Cures waren eher reduziert vertreten, vorrangig durch Material vom Album „Disintegration“, dem schwermütigen „Wish“-Vorgänger. Umso überraschender dann „One hundred Years“ von „Pornography“ welches gemeinhin den dunkelsten Abschnitt der Cure’schen Karriere markiert.

Fotogalerie: The Cure 2016 live in Köln

Dass nicht nur die Fans Spaß hatten, merkte man den Protagonisten auf der Bühne deutlich an. Dem sonst oft mürrisch dreinschauenden Smith machte der Abend augenscheinlich Spaß: Lächeln und Grinsen zierten häufig Smith’s bleiches Gesicht mit den blutroten Lippen. Hin und wieder brach er sogar aus seinem Halbmeter-Aktionsradius am Mikrofonständer aus und legte kecke Tanzbewegungen hin – aufgrund des Seltenheitswertes solcher Aktivausbrüche mit reichlich Applaus bedacht. Zum Glück hatte er nicht das Vergnügen vieler der Zuhörer, die weiter weg von der Band ihren Platz fanden. denn schlimme, scheppernde Schallreflexionen aus der Kurve gegenüber der Bühne beleidigten viele Ohren. Einmal mehr Öl ins Feuer der Argumente all derjenigen, welche der Kölner Arena eine katastrophale Akustik bescheinigen. Wenn man von diesem Makel jedoch absah, wurde einem auf dem letzten der Deutschlandkonzert The Cures im Jahre 2016 ein wahrhaft tolles musikalisches Erlebnis geboten. (Fotos: Helmut Löwe)

Setlist

Open
alt.end
The Walk
Push
In between Days
Pictures of You
Before Three
High
A Night Like This
The End of the World
Lovesong
Just Like Heaven
Trust
From the Edge of the Deep Green Sea
One Hundred Years
End
———-
Step Into the Light
Want
Burn
A Forest
———-
Fascination Street
Never Enough
The Hungry Ghost
Wrong Number
———-
Lullaby
Friday I’m in Love
Doing the Unstuck
Boys Don’t Cry
Close to Me
Why Can’t I Be You?