Interview mit Jaz Coleman (2/2): Warum Amerika Scheiße ist

Auf der Bühne ist Jaz Coleman, Sänger von Killing Joke, ein Exzentriker par excellence. Privat jemand, der nicht nur gerne und viel aus seinem oft seltsamen Leben erzählt, sondern auch reichlich lacht. Im Interview mit electrictunes verriet er, wieso er Heath Ledger dankt, er Cafés liebt und warum die USA so furchtbar Scheiße sind.

Bericht über das Killing-Joke-Konzert im Kölner Luxor am 2. Oktober

Welche drei Killing-Joke-Alben würdest Du jemanden empfehlen, der noch nie etwas von Killing Joke gehört hat?

Pandemonium, Killing Joke (aus dem Jahr 2003; d. Red.) und das neue Album. Ich finde diese Scheiben besser als unser altes Material.

Warum bedankst Du Dich im Booklet der „Absolute-Dissent“- CD bei Heath Ledger?

Er hat mich nachgeahmt, als er sich für seine Rolle als Joker in „The Dark Night“ vorbereite: Er bat mich um Filmmaterial des Killing-Joke-Videos, welches wir damals gerade drehten. Darauf war ich zu sehen, betrunken und ausrastend. Und daran hat er sich orientiert.

coleman-interv101002_7413_165x250Welche Musiker, tot oder lebendig, wären für Dich die Idealbesetzung einer Band?

Darüber habe ich schon nachgedacht, konnte mich bislang aber für niemanden entscheiden. Wenn ich mich aber für einen Gitarristen entscheiden müsste, wäre es Geordie. Klar, Jimmy Page ist auch gut, aber nicht besser als Geordie. Und ich liebe Bassisten, die mich Lachen machen, so wie Youth oder Paul Raven. Und alle Schlagzeuger der Welt, selbst Dave Grohl, trommeln mir nicht hart genug- außer Big Paul Ferguson. Da hast Du’s (lacht).

Welche Musik würdest Du mit auf eine Insel nehmen?

Beethovens Neunte. Oder muss es Rockmusik sein? (überlegt lange) The Gotan Project – die liebe ich. (überlegt noch länger) Und Tristan und Isolde von Richard Wagner.

Keine leichte Kost…

Ja, dieser verdammten Gesang. Ich hasse Operngesang. Genauso, wie ich Countrymusik hasse. Aber ich liebe die Musik Wagners. Beim Gesang jedoch schlafe ich ein, der ist einfach zu öde.

Welche Berühmtheit würdest Du gerne treffen?

Bleib mir mit diesem Berühmtheitenrummel vom Leib – ich hasse das. Als wir mit Killing Joke begannen, war das Thema Rockstars, Prominente oder Helden ein riesiger Gräuel für uns. Selbst wenn Du unglaublich talentiert warst, zur Berühmtheit wurdest Du damit nicht. Und heute? Heute reißen sich die Menschen um Stars, um angebliche Berühmtheiten – das ist doch eine einzige Lüge, zum Kotzen. Kann man denn kein großer Künstler, voller Begabung sein, ohne etwas Besseres sein zu wollen, als andere? Da ist doch wohl möglich! (redet sich in Rage)

Nun gut, anders gefragt: Mit welcher Person würdest Du Dich gerne unterhalten?

Es gibt da zwei Leute, und so Gott will, treffe ich sie noch: Einer ist Jean Ziegler (Schweizer Soziologe und Kritiker der Globalisierung; d. Red.), der den alternativen Nobelpreis verliehen bekam. Ziegler ist der Meinung, dass der französische Revolutionär Antoine de Saint-Just damit richtig lag, das ökonomische Wachstum beschränken zu wollen.

Die zweite Person ist Christopher Knight. Der Anthropologe glaubt an ähnliche Dinge, an die ich glaube,  wie zum Beispiel den Ahnenkult. Knight ist der Meinung, dass die Menschheit sich von den Geistern der Vorfahren leiten lassen sollte. Das mag sich jetzt etwas verrückt anhören, aber für mich war die Spiritualität, die vom Erdboden ausgeht, die Beziehung zwischen Mensch und Erde, immer wichtig.. Wir können nicht ohne die Erde, sie gibt uns Nahrung. Ich bin der Meinung, dass Biodiversität und Nahrungsmittelerzeugung langfristig wesentlich wichtiger als die Kunst ist.

Vor was fürchtest Du Dich?

Vor so einigen Frauen habe ich Angst (lacht). Nein, mir macht Angst, dass wir in Europa der Nato eine Heimstatt bieten. Denk nur an die Zeit nach dem 11. September 2001 – weil Europa fest in der Nato integriert ist, wurden wir in einen Krieg hineingezogen. Und wegen der Nato ist die europäische Außenpolitik fest mit der amerikanischen Außenpolitik verknüpft. Sieh Dir Leute wie Donald Rumsfeld oder Dick Cheney an, die sind doch wahnsinnig. Und wir können uns kaum vor solchen Leuten schützen. Schon alleine deswegen wäre es wichtig, eine rein europäische Marine, eine rein europäische Luftwaffe zu haben. Mir schwebt eine Europäische Union als feste politische Einheit vor – ohne England.

Und wir sollten die Amerikaner rauswerfen. Denn dieses Land warf die erste Atombombe, warf seit dem zweiten Weltkrieg Bomben auf 56 andere Länder. Kam jemals etwas Gutes aus Amerika? Niemals.Und bis sich Europa aus dieser Umklammerung befreit hat, bleibe ich in Neuseeland (lacht).

coleman-interv101002_7408_165x250Hast Du keine Angst davor, dass sich die EU wie die USA entwickelt?

So blöd sind wir nicht;  wir besitzen Kultur. Alle Mitgliedstaaten der EU haben eine starke kulturelle Identität und entwickeln diese weiter. Und ich bin Europäer durch und durch. Nimm als Beispiel nur die Cafés: So etwas existiert nicht in der angelsächsischen Gesellschaft – so etwas ist eine Besonderheit Festlandeuropas. Für mich ist ein Café ein heiliger Platz: es kann als Kunstgalerie dienen, man kann dort laute Alternativemusik hören, preiswertes Essen kaufen – ein Café ist ein kulturelles Zentrum. Und vor der Tür gibt es einen Bauernmarkt mit regionalen Produkten, die nicht durch die ganze Welt kutschiert, mit Öl-Dollars bezahlt wurden.

Momentan werden drei Viertel des Gemüses importiert, das muss aufhören. Wir müssen uns von der Globalisierung im herkömmlichen Sinne lösen, wenn wir die Umweltverschmutzung stoppen wollen, Aufforstung betreiben wollen oder Krisen beenden wollen. Wie willst Du einer Million Inder erklären, dass sie keinen Kühlschrank oder kein Auto haben können?

Warum bist Du kein Politiker geworden?

Hast Du jemals einen weltweit bekannten Musiker gesehen, der etwas Wertvolles als Politiker erreicht hat? So was klappt nicht.

Aber Du könntest etwas ändern!

Ich könnte mir gut vorstellen, ein Jahr lang als Parlamentsmitglied oder Mitglied der EU tätig zu sein. Aber ohne Lohn, denn meine Entlohnung käme meinem Wahlkreis zugute. So etwas nenne ich „öffentlichen Dienst“. Aber üblicherweise sind Politiker die falschen Leute für den Job. Politische Ämter sollten zum Beispiel wöchentlich von anderen Personen besetzt werden; damit vermeidet man, dass Entscheidungen durch persönlichen Stolz beeinflusst werden.

Viele Leute schielen auf die Verhältnisse in China. Diese aber sind von Sklaverei und Unterdrückung geprägt. Dort darfst Du nicht über Tibet sprechen, die Regierung kritisieren. Und ist es etwa anders in Amerika? Wenn Du abweichende Ansichten über den 11. September oder den Irakkrieg hast, ist das nicht sehr vorteilhaft für Dich. Ich bin der festen Überzeugung, dass all das, was über die Anschläge am 11. September verbreitet wird, nicht der Wahrheit entspricht, dass die Amerikaner ihre Finger im Spiel haben. Als ich 2008 in New York auf der Bühne über den 11. September sprach, sagte mir der Promoter nach dem Konzert, dass sich Regierungsagenten im Publikum befunden und alles aufgezeichnet hätten. In was für einer Demokratie leben wir eigentlich? Wenn ich nach Neuseeland fliege und in den USA zwischenlande, wollen die tatsächlich meine Fingerabdrücke und meinen Netzhautscan haben. Nur weil ich eine Stunde Aufenthalt habe?

Ein Ort ohne Freiheit sind die USA, die Menschen sind dumm. Ich bin ganz und gar antiamerikanisch, ganz und gar (echauffiert sich)!. Und deswegen gab mir Gott eine amerikanische Freundin (lacht).

Welcher Song sollte auf deiner Beerdigung gespielt werden?

Telstar ([ein Instrumentalhit der amerikanischen Tornados aus dem Jahr 1962] summt die Melodie). Oder die amerikanische Nationalhymne (lacht lauthals).

Jaz, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Teil eins des Interviews mit Jaz Coleman: wie er die Zeit still stehen ließ, warum Paul Raven eine Zahnbürste im Hintern hatte und was er am liebsten kocht.