Michael Schenker & Co. mit Klassikern und Klasse

Jeder Orthopäde schlüge die Hände über dem Kopf zusammen, betrachtete er sich die Arbeitshaltung des Michael Schenker: Tief gebeugt über sein Arbeitsgerät, einer Flying-V-Gitarre, steht der Musiker – und das nicht nur kurz, sondern den weitaus größten Teil eines eindreiviertel Stunden dauernden Konzertes. Selten nur erhebt er sich, noch seltener sieht man ihn über die Köpfe und Hände des Publikums hinweg aufrecht stehen. An genau jener rückenunfreundlichen Pose aber ist der Bruder des Scorpionsgitarristen Rudolf seit Jahren eindeutig zu identifizieren. In der Kölner Essigfabrik,  in der Schenker am 8. Mai einen Boxenstopp auf seiner Temple-Of-Rock-Tour macht, ist dies nicht anders.

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Zusammen mit Francis Buchholz am Bass und Herman Rarebell am Schlagzeug – zwei Bandkumpels aus alten gemeinsamen Scorpions-Tagen – sowie Wayne Findlay, Mitglied Schenkers Band MSG, und Sänger Doogie White packt der hagere, blonde Gitarrenheld echte Klassiker des Hardrock aus: Scorpionssongs, Titel von UFO, der MSG und ein, zwei neue Lieder aus Schenkers Feder stehen auf der Setlist.  Darunter solche großen Nummern wie „Blackout“ und  „Rock you like a Hurricane“ der Scorpions oder „Lights out“ und „Doctor Doctor“ von UFO, die auch nach Jahrzehnten den Hardrock- oder Metalfans die Tränen der Rührung und Freude in die Augen treiben, sobald diese die Lieder hören.

Nicht nur guter Gitarrist, sondern Gitarrenidol

Doch nicht allein die bekannte Historie der Songs macht die hohe Qualität des Konzertes vor knapp 500 Leuten aus: mehr noch die Qualität der Musiker, allen voran Schenker, der an einem guten Tag allen Nachwuchsgitarristen zu einem leuchtenden Vorbild gekonnter Fingerfertigkeit und Spielkunst gereicht. Der Niedersachse zieht alle Register seines Könnens, ob als ausgefuchster Rhythmusgitarrist oder in manchmal minutenlangen Soli mit Improvisationen, bei denen sich manch anderer die Finger verknotete. Dass er außer bestem Gitarrenspiel das gute alte Rockstarposing auch drauf hat, zeigt er durchaus: mit hoch empor gereckter Gitarre oder im Zusammenspiel mit Buchholz und Findlay, wie sie im Ausfallschritt einer Drei-Mann-Armee gleich drauflosrocken.

White, der Sangeserfahrung unter anderem bei Rainbow oder mit Yngwie Malmsteen sammelte, macht deutlich, dass Scorpionslieder auch ohne das Organ eines Klaus Meine  auftrumpfen können. Der Schotte zeigt sich in den verschiedensten Stimmlagen zuhause und sicher. Hin und wider muss der Frontmann dem wie ein Tiger auf der Pirsch von rechts nach links und wieder zurück schleichenden Schenker ausweichen, kann bei den instrumentalen „Into the Arena“ von MSG und „Coast to Coast“ der Scorpions oder dem ausufernden Solo Schenkers während „Rock Bottom“ von UFO ausgiebige Pausen einstreuen. Ansonsten hat der leicht untersetzte White das Publikum fest im Griff, scheut sich auch keineswegs, „Before the Devil Knows You’re Dead“ dem vor knapp drei Jahren gestorbenem Ausnahmesrocksänger Ronnie James Dio zu widmen und dabei den Arm mit abgespreizten Zeige- und kleinem Finger nach oben zu recken. Die wohlbekannte „Pommesgabel“ wird hundertfach aus dem Publikum zurückgestreckt.

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Strahlende Gesichter auf und vor der Bühne

Mit dem derben und riffbetonten „Horizons“ streut das Quintett einen komplett neuen Song vom im November erscheinenden Album „Bridge the Gap“ ein. Dass alle Musiker gemeinsam an diesem Album arbeiten, macht deutlich, dass auf der Bühne nicht bloß eine für Livezwecke zusammengestellte Truppe rund um Schenker agiert, sondern eine Band zusammengewachsen ist, die ihre Sache auch bei Fremdmaterial richtig gut macht. Dass die Akteure zufrieden mit dem sind, was sie selbst leisten, was das Publikum ihnen an Applaus und Jubel zurückgibt, zeigen sie immer wieder durch bereites Grinsen, und reichlich Lobhudeleien gegenüber den Fans. Da lässt es sich Schenker auch nicht nehmen, die vordere Reihe während seines Spiels abzuklatschen und zum Ende des Konzertes hin die Kamera zu schwenken und das begeisterte Publikum in Bildmaterial festzuhalten. (Fotos: Helmut Löwe)

Setlist

– Lovedrive (Scorpions)
– Another Piece of Meat (Scorpions)
– Assault Attack (Michael Schenker Group MSG)
– Armed and Ready (Michael Schenker Group MSG)
– Into the Arena (Michael Schenker Group MSG)
– Rock My Nights Away (Michael Schenker Group MSG)
– Attack of the Mad Axeman (Michael Schenker Group MSG)
– Horizons
– Before the Devil Knows You’re Dead
– Coast to Coast (Scorpions)
– Shoot Shoot (UFO)
– Only You Can Rock Me (UFO)
– Let It Roll (UFO)
– Too Hot to Handle (UFO)
– Lights Out (UFO)
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– Holiday (Scorpions)
– Rock You Like a Hurricane (Scorpions)
– Rock Bottom (UFO)
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– Blackout (Scorpions)
– Doctor Doctor (UFO)