Fährmannsfest, Rock, Regen oder „saufen und die Erde retten“

Während die Sportwelt nach Rio de Janeiro blickt, wo am ersten Augustwochenende 2016 die Olympischen Spiele beginnen, während die Rock- und Metalwelt ins kleine schleswig-holsteinische Dorf Wacken blickt, wo der Welt größtes Metalfestival steigt, blicken Musikfans aus Niedersachsen sowie ein paar Verwegene aus dem Rest Deutschlands auf den Hannoverschen Stadtteil Linden: denn dort steigt zur gleichen Zeit das Fährmannsfest. Ein kleines aber feines Musik- und Kulturfest am Weddigenufer, am Zusammenfluss von Leine und Ihme.

Zum 33. Male finden sich im Grün an drei Tagen jeweils etwa 5.000 Besucher ein, widmen sich vorrangig den Konzerten chartferner lokaler Bands, Newcomer oder erfahrener alter Hasen im Musikbusiness. Lassen allerdings auch die politischen Ambitionen alternativer und linksorientierter Gruppierungen, der Märchenerzähler, Jongleure, Theaterleute und anderer Kulturschaffender nicht aus den Augen. „Bunt statt braun“ ist seit Anbeginn das Motto. Da sind nonkonforme Essensstände und Getränkestände ebenso einbezogen. Bis aufs standardmäßige Bier, das nicht fehlen darf. Partystimmung und ausufernde Laune ist halt ohne Gerstensaft für kaum einen denkbar.

Fotos vom Fährmannsfest: Bilder von Freitag | Bilder von Samstag

Daraus machen auch die beiden Moderatoren Stefan Henningsen im farbenfrohen lila Anzug und Jean Coppong keinen Hehl. Beide wissen jedoch Spaß und guten Zweck optimal miteinander zu verquicken: „Ihr könnt saufen und die Erde retten“ weisen sie auf das Engagement der Initiative Viva con Agua hin, welche auf dem Fährmannsfest Pfandbecher einsammelt und die dadurch generierte Summe in Projekte für sauberes Trinkwasser in Entwicklungsländern steckt. Da trinkt der ein oder andere sicher auch mal gerne ein Bierchen mehr.

Rockveteranen mit Cellounterstützung

Trotz aller sozialen Aktivitäten ist die Musik, die Konzerte auf der großen Bühne, das für den weitaus größten Teil der Besucher das wichtigste Argument, sich vom 5. bis zum 7. August nach Linden zu begeben. Und der Abstecher wird belohnt. Unter anderem durch die Veteranen von Epitaph, die ihre ersten musikalischen Gehversuche in Hannover machten und welche seit den 70er Jahren Rockfans ein Begriff sind. Angenehm anzuhören, die Melange aus Bluesrock und Hardrock mit einem Hauch psychedelischer Elemente. Hilfe holt sich die Band von den Cellisten der Fire Strings, deren Streichereinsätze jedoch akustisch sehr kurz kommen.

Eine große musikalische Kehrtwende direkt im Anschluss mit Tüsn: die Berliner zaubern dunklen Elektropop aus dem Hut. So ganz ohne Gitarre, nur Bass, Synthie, Gesang und Drums, kommt das einigen im Publikum zwar nicht immer ganz geheuer vor, ist so anders als gewohnt – dennoch gut. Klarer die Linien da beim Freitagsheadliner: Bei Selig weiß der Fan, was er bekommt. Klassischen Rock, wie man ihn seit Ende der 60 kennt und liebt, versehen mit Grungeelementen und den oft verqueren Texten über schwierige Beziehungen aus dem Mund Jan Plewkas. Nicht nur, dass die Hamburger „den Sommer feiern, der keiner war“, nein, sie bringen als Zugabe „Knockin‘ on Heavens Door“. Über das Plewka sagt: „dieses Stück haben wir noch nie auf einer Bühne gespielt“ – schöne Premiere zum Abschluss.

Gut mit Vollgas rübergebracht

Den minimalistischen Indiepop des Keyboarduos Schnipo Schranke und dessen deutlichen Texte bedenken die Zuschauer am Samstagnachmittag mit ganz klar mehr als höflichem Applaus. Und das, nachdem kräftige Mittagsschauer für ausreichend Madder vor der Bühne sorgten – das Fährmannsfestpublikum ist da ganz entspannt. Viel Trubel, Springen, Tanzen und mächtig Abfeiern beim Dancehall und Rap von Mono & Nikitaman. Noch mehr desselben einschließlich einer großen Menge Crowdsurfer verursacht das Heimspiel von Wisecräcker: Die Hannoveraner Ska-Punk-Kombo räumt mit dreifachem Bläsereinsatz und spanischen, englischen sowie deutschen Texten unglaublich ab. Sagenhafte Stimmung selbst bei im Grunde sehr skafernen Coverversionen wie „The Final Countdown“, „Por que te vas“ oder der Ralph-Siegel-Komposition „Moskau“. Es kommt halt darauf an, wie man so was gut mit Vollgas rüberbringt – was Wisecräcker einwandfrei schaffen.

Dagegen anzustinken ist dann für die Berliner Terrorgruppe mit ihrem traditionellen Linkspunk extrem schwierig. Unglückliche Ansagen von Frontmann Archi Alert alias MC Motherfucker zu Songs, in denen es um Bullen, Bonzen und becknackte Opas geht, machen die Mission nicht einfacher, lassen den Headlinerauftritt des Samstags über ein „solide“ kaum rauskommen. Der Sonntag, traditionell auch 2016 eintrittsfrei, gehört zum Ende hin vorrangig in Hip-Hop- und Raphand: Die Antilopen Gang mit ihren fiesen Texten voller politisch unkorrekter Seitenhiebe fühlt sich im „rebellischen“ Stadtteil Hannover an der richtigen Stelle. Im Jahr 2017 steigt das Fährmannsfest vom 4. bis 6. August. (Fotos: Helmut Löwe)

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