The Prodigys „The Day is my Enemy“: Angriff nach bekannten Mustern

Schon im Vorfeld, nachdem The Prodigy mit den Singleauskopplungen „Nasty“ und „The Day is my Enemy“ einen Vorgeschmack auf ihr neues Album boten, waren wir skeptisch. Der Schlag in die Fresse, den wir vom Nachfolger zum kraftvollen „Invaders must die“ aus dem Jahre 2009 erwarteten, konnten die beiden Songs ganz klar nicht vermitteln. Nun ist sie über die ersten Auskopplungen hinaus in voller Länge da, „The Day is my Enemy“, die neue Scheibe der britischen Breakbeat- und Elektroungeheuer. Kopf und Soundtüftler Liam Howlett hatte den Hörern vorab einen fetten Angriff versprochen: „Das ist es, wofür ich Musik nutze, sie ist eine Art Attacke.“

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Und was stellen wir nach dem ersten Hören von „The Day is my Enemy“ fest? Den echten unerwarteten Angriff, den herben Schlag in die Fresse, dem man nicht ausweichen kann, den bekommen wir diesmal nicht wirklich. Allenfalls die ein oder andere Ohrfeige verpassen uns Howlett, Keith Flint und Maxim Reality. O.k., wenn The Prodigy zuschlagen, dann wirklich sehr ordentlich. Allerdings verläuft die Attacke des lärmenden Trios doch allzusehr nach bekannten Mustern, nach Angriffsmustern, die The Prodigy bereits auf ihren Erfolgsscheiben „Music for the jilted Generation“ und The Fat of the Land“ gekonnt einsetzten. Die deftigen Rhythmen, die fetten Bässe, die Breakbeat- und  Bigbeatelemente, die zugegebenermaßen auch jetzt kräftig einschlagen, kennt man zu Genüge von The Prodigy.

Never touch a running system

Klar, wenn man seinen Stil mal festgelegt hat, will man nur ungern vom Bekannten, Erfolgreichen abweichen. Never touch a running system, so heißt’s. Das machen ja viele Bands aus der Metalecke wenig anders. Wenn aber brandneues Liedmaterial sich in großen Teilen nach Versatzstücken von schon vor langer Zeit Veröffentlichtem anhört, gut und gerne ohne dass es auffiele auf vorherigen Platten genauso hatte erscheinen können, dann will man als Hörer nicht in Jubelrufe ausbrechen. Klar, ordentliches Elektrogebrettere wie auf „Destroy“ oder „Get your Fight on“, ein melidiöseres und dennoch nicht weniger aggressives „Wild Frontier“ haben ihren Reiz. Doch bevor die meisten Titel ihre Wirkung entfalten können, nimmt Howlett schnell mal das Mantramäßige weg, ist oft genug der Song auch schon wieder zuende. Da ist es ganz gut, dass „Roadblox“ die Fünfminutenmarke knackt und seine Wirkung längerfristiger entfalten kann.

Tja, und manchmal geht’s auch leider in die Hose: „Rhythm Bomb feat. Flux Pavilion“ hat weniger etwas von einer Bombe denn vielmehr was von einem Chinaböller mit feuchter Zündschnur. „Beyond the Deathray“ hat deutlich mehr den Charakter eines sehr langen Intros, aus dem noch was werden will, als den eines eigennständigen Tracks. Und der Melodiebogen von „Medicine“ ähnelt einfach zu sehr „Medusa’s Path“ des negativ kritisierten „Always Outnumbered Never Outgunned“ ohne aber dessen hypnotische Wirkung entfalten zu können. Diese findet sich im für Prodigyverhältnisse sehr gemäßigten „Invisible Sun“ wieder. Liebhaber rohen Wütens werden mit „Wall of Death“ versöhnt.

Zwiespältiges Album, das auf den Liveeinsatz wartet

Ein zwiespältiges Album, dieses „The Day is my Enemy“ – auf der einen Seite gerne mal etwas deftig-kräftiges Digitalgeballere, auf der anderen viel bereits Bekanntes und Gehörtes aus der Hand des infernalischen Trios. Ein Angriff nach altbekannten Mustern diesmal!  Sollte es aber nicht auch genau so sein? Irgendwie schon, das machen Howletts Worte im Interview deutlich: „Wobei uns Platten an sich gar nicht so sehr interessieren. Im Zentrum von The Prodigy stand stets die Bühne. Wir sind eine Live-Band. Unsere Songs sind nur Mittel zum Zweck, damit wir auf die Bühne können.“ Dort, auf der Bühne, im Konzert, dort entfalten The Prodigy nun wirklich eine hochenergetische, schweißtreibende, entfesselte und durchschlagende Wirkung. Warten wir also, bis wir das Material von „The Day is my Enemy“ „in echt“ erleben können. Und rasten dann aus! (Foto oben: Paul Dugdale; Foto unten: Helmut Löwe)

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The Prodigy „The Day is my Enemy“ hat 14 Titel und eine Laufzeit von 56:31 Minuten. Die Platte ist erschienen bei Universal Music.

Anspieltipps: Destroy, Wild Frontier, Roadblox, Get your Fight on

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