Cover von Ersaer von Long Distance Calling

„Eraser“ von Long Distance Calling, wenn Instrumentalrock anklagt

Wie bloß vermittelt man Inhalte und Botschaften, welche einem wichtig sind, wenn man als Band so ganz ohne Sänger auskommt? Wenn man ebenso kritische Anmerkungen zum Zustand der Welt, des Planeten, der Gesellschaft hat, wie zum Beispiel Bad Religion haben? Diese schließlich können auf Greg Graffin setzen, welcher all die Probleme, all den Zorn, all den Ärger, welche ihn und seine Bandkumpels umtreiben, bitterböse ins Mikro entlädt.

Dann macht man es halt so wie Long Distance Calling aus Münster: das Quartett packt all seine Emotionen, die es aufwühlen, in aufwühlende Melodien, die instrumentaler, progressiver Rock hergeben. So wie auf dem aktuellen Album „Eraser“, auf welchem die Gitarristen Florian Füntmann und David Jordan, Bassist Jan Hoffmann und Schlagzeuger Janosch Rathmer die Schandtaten menschlichen Handels an unserer Erde, am nicht humanen Leben im Fokus haben. „Eraser“, der Nachfolger von „How do we want to live?“ ist wie eine musikalische Anklage.

Der Zerstörer Mensch

Bandfoto von Long Distance CallingWie klagten einst Bad Religion den modernen Menschen in ihrem Song „Modern Man“ auf dem Album „Against the Grain“ im Jahre 1990 an? „Moderner Mensch, Verräter an der Evolution, Zerstörer des Ökosystems. Moderner Mensch, zerstöre dich selbst in Schande.“ Die Anklage, die von Long Distance Calling 32 Jahre später erhoben wird, ist genau dieselbe – allerdings ohne gesungene Botschaften. Ihre Botschaften verbalisieren die Musiker in Interviews und visualisieren sie in dystopischen Videos – so wie in jenem zum Titelsong „Eraser. Dieses nämlich zeigt einen Planeten am Rande der Zerstörung.

Der „Eraser“, der Ausradierer, ist in dem vorliegenden Falle der Mensch selbst. Er radiert Lebewesen aus, Tiere, die sich nicht wehren können. Und diesen Tieren sind die einzelnen der insgesamt neun Songs gewidmet. „Blades“, das auf das Intro „Death Box“ folgt, ist –  so wie ein Nashorn – ein echtes Schwergewicht. Wehe, es ist entfesselt, dann wütet es. Und auch „Blades“ hat mit seiner schwermetallischen Wucht etwas wirklich Schwergewichtiges.

„500 Years“ ist ein bisschen wie ein gewaltiges Monster, das sich langsam in Bewegung setzt und in Hochform kaum zu bremsen scheint. Musikalisch wirken repetitive Gitarrenriffs. Und diese repräsentieren gekonnt den Grönlandhai, der mehrere hundert Jahre alt werden und damit das höchste Alter aller bekannten Wirbeltierarten erreichen kann. In der Tat, „500 Years“ wirkt wie ein altes, ein uraltes und mächtiges Tier.

Prädikat Höhepunkt

Bandfoto von Long Distance Calling in SchwarzweißDas über 10-minütige „Blood Honey“ ist nicht nur wegen seiner Länge ein echtes Opus: Mit langen Gitarrenläufen, Tempowechseln, ruhigen und aufgeregten Momenten, kniffligem Schlagzeugspiel und Streichern bieten Long Distance Calling fast schon nimmer enden wollende Abwechslung. Das Prädikat Höhepunkt ist für den Song, der dem Insekt Biene gewidmet ist, durchaus angesagt.

Und um dem Konzeptalbum den Feinschliff zu geben, es ganz rund zu machen, finden sich am Ende des letzten Albumtitels „Eraser“ genau jene Intonierungen mit der Gitarre gespielt wieder, welche im Intro das Klavier vorlegt. Mit „Eraser“ ist Long Distance Calling ein anklagendes Album gelungen, das für komplexen, hochwertigen und ausgezeichneten progressiven Instrumentalrock steht. (Foto: André Stephan)

„Eraser“ von Long Distance Calling hat mit neun Songs eine Laufzeit von 57:22 Minuten. Das Album ist erschienen auf dem Label Earmusic und im Vertrieb von Edel Music.

Anspieltipps: Blades, 500 Years, Blood Honey

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